Thomas Mann an Charles Neider
- Zeitraum
- Samstag, 6. Dezember 1947
- Datierung
- 6.12.1947
- Empfänger:in
- Ort
Zusammenfassung
N. dürfe von ihm kein »judgement« für die Öffentlichkeit zu dessen Buch über Kafka erwarten. Knopf habe ihn ersucht, in Zukunft etwas vorsichtiger mit seinen Besprechungen umzugehen. So habe er bemängelt, dass er über den biographischen Roman von Thomas Theodor Heine, mit dem ihn eine alte Freundschaft verbindet, insbesondere aus der Zusammenarbeit im ›Simplicissimus‹, sich allzu lobend geäußert habe. Der Verleger Greenberg habe ganz groß mit seinen Äußerungen geworben [s. Br. an Greenberg Publishers v. 30.9.47]. Zu N.’s Buch: Sagt offen, dass er für die direkte und wissenschaftliche Anwendung der Psychoanalyse und deren Terminologie bei kritischen Werken in der Literatur nicht viel übrig habe. Ob N. nicht fürchte, dass all die »Symbol-constructions«, die kabbalistischen, sexuellen und mystischen, auf schwachen Beinen stünden? Er fühle sich wohler, wenn er den Molière-Essay von Sainte-Beuve lese, der nichts von Sex-Symbolen und Komplexen wisse. Lobt N. zum Schluß, dass dessen Buch das Werk eines echten kritischen Talents sei, oft faszinierend zum Lesen.
