Thomas Mann an Otto Veit

Zeitraum
Freitag, 24. März 1950
Empfänger:in
Ort

Zusammenfassung

Dankt für die Zusendung der Schrift von Hans H. Biermann-Ratjen und Hans Egon Holthusens 'Gespräch über Thomas Mann und seinen 'Doktor Faustus‹'. Hat Holthusens Schrift ›Die Welt ohne Transzendenz‹ nie gelesen, viel davon gehört und versteht nun in dessen »gemessener Antwort« an seinen Verteidiger Holthusens Antipathie viel besser. Hat sich natürlich mehr an den »generösen Brief« Biermann-Ratjens gehalten, dessen Zartheit in der Aussage über den ›Doktor Faustus‹ ihn besonders ergriffen hat. Geht auch auf die »fromme Diatribe« der Gertrud Fussenegger ein: »Es ist so merkwürdig! Ich habe ein ernstes, schweres, leid- und opfervolles Buch geschrieben, es geschrieben wahrhaftig mit dem Blut meines Herzens, und nun muß ich von den diabolischen Spiegelfechtereien, den ausgepichten Tricks und taschenspielerischen Kunstgriffen, der glatten, weltmännischen Verruchtheit etc. etc. lesen, die ich getrieben haben soll.« Er habe Deutschland »recht einfältig« religiöse Ehre erwiesen, indem er diesem eine Höllenfahrt andichtete und den Gedanken der Gnade. Aber Deutschlands Weizen blühe unter der Gunst einer Weltkonstellation, die alles andere niederhalte. »Es ist nie zur Hölle gefahren, und auf Schuld und Gnade pfeift es. Es verbittet sich durch Herrn Holthusen, dass man seine Geschichte dämonisiert.« Es sei arroganter und selbstgerechter denn je, und die Holthusen, die sein Buch heruntermachten, seien die Sprecher der deutschen Restauration »zum Guten-Alten, zum Alten-Unerträglichen«. Geht auf den Titel von V.’s Buch ›Flucht vor der Freiheit‹ ein, einem Thema, mit dem er sich viel beschäftigt habe. Der Mensch von heute mache oft den Eindruck, als ob er lieber die Despotie als die Freiheit wolle. Das führe aber für einen Brief zu weit.

Erwähnungen

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