Thomas Mann an Theodor W. Adorno
- Zeitraum
- Samstag, 1. Juli 1950
- Datierung
- 1.7.1950
- Empfänger:in
- Ort
Zusammenfassung
Die Verlegung der Geburtstagsfeier in die Schweiz habe er nicht bereut: »alles hatte Herzlichkeit und Niveau.« Seine verspätete Antwort auf A‹.s Geburtstagsbrief, den er zuerst nur mit seiner »gedruckten Not- und Hilfskarte« beantwortete, hat seinen Hauptgrund in der Operation seiner Frau, deren Notwendigkeit man ihm während der Festivitäten verschwiegen hatte. Die in der Klinik Hirslanden vorgenommene Operation ist gut verlaufen, nur die Wundschmerzen der ersten Tage waren unerträglich. In zehn Tagen wollen sie nach Sils Maria reisen; von der dortigen Luft verspreche er sich weitere Kräftigung. – Möchte gern den ›Erwählten‹, »den ich übrigens nicht wichtig nehme«, zu Ende schreiben, aber es mangle ihm an der inneren Ruhe. – Die Politik trage zu seiner Nervosität bei: der Geist in Deutschland sei ihm widerwärtig; es sei »das Verzugskind der Welt«; Amerika stehe dahinter, »der Schumanplan ist nichts als der abgekartete Entwurf eines deutschen Europas unter amerikanischer Protektion.« Wenn es eine Kriegsgefahr, an die er im Augenblick nicht glaube, gebe, komme sie von dort, nicht von Korea, das eine Lappalie sei, Rußland sei dort wenig engagiert.
