Thomas Mann an Henry F. Waldstein
- Zeitraum
- Donnerstag, 25. Oktober 1951
- Datierung
- 25.10.1951
- Empfänger:in
- Ort
Zusammenfassung
Erhielt W.’s Namen und Adresse von einer Freundin seines Hauses, Mrs. Edith Loewenberg, London. Unterbreitet W. ein Problem, zu dessen Lösung er dessen Hilfe erbittet. Sein verstorbener Schwiegervater, Prof. Alfred Pringsheim, hinterließ ein Testament, wonach eine Sammlung von altem deutschem Silber, von Gemälden, Teppichen und anderen Kunstgegenständen rechtmäßig seiner Frau Katja und deren Bruder, Prof. Peter Pringsheim von der University of Chicago, gehört. Besagte Sammlung wurde von den Nazis konfisziert und nach Deutschlands Zusammenbruch von der amerikanischen Armee im Nationalmuseum, München, wiedergefunden und als Nachlaß Prof. Pringsheims bzw. als das Eigentum der Erben erkannt. Die Überführung der Erbschaft in die USA wurde von den amerikanischen Behörden genehmigt. Seitdem liegt die Sammlung in den Büroräumen der Firma L. Rettenmeyer in Wiesbaden; dort verzögern die deutschen Behörden die Ausfuhr mit der Behauptung, es handle sich um deutsches »Kulturgut«, das nicht ausgeliefert werden darf. Dagegen ist anzuführen, dass sowohl seine Frau als auch er praktisch alles verloren, was sie in Deutschland besaßen und dass bisher nichts zurückgegeben worden ist. W. möge die Angelegenheit dem Hohen Kommissar in der amerikanischen Zone zur Kenntnis bringen, damit dieser seinen Einfluß auf die deutschen Behörden ausübe. – Weist darauf hin, dass in seinem Fall noch keine deutsche Wiedergutmachung erfolgt sei. Schon vor längerer Zeit habe er die Wiedergutmachungsformulare ausgefüllt und dem »Wiedergutmachungsamt« bzw. dem damaligen Generalsekretär Auerbach eingereicht. Es sei bisher nichts geschehen, obwohl man ihm seinerzeit sein Bankkonto einschließlich der Summe des Nobelpreises, seine sehr große Bibliothek, seine Möbel und das Inventar seines Hauses geraubt habe. Die Ruinen dieses Hauses seien ihm zwar zurückgegeben worden, aber eine Anzahl Displaced Persons bewohnten sie und könnten nicht evakuiert werden, so dass er keinen Vorteil von dem Haus habe, obwohl er Steuern dafür bezahlen müsse. Er wäre dankbar, wenn W. und der Hohe Kommissar die deutschen Behörden veranlassen würden, diese Sache so bald wie möglich zu regeln.
