Thomas Mann an Leonie Mann-Aškenazi
- Zeitraum
- Montag, 29. Oktober 1951
- Datierung
- 29.10.1951
- Empfänger:in
- Ort
Zusammenfassung
Antwortet auf M.’s »hochgradig abgeschmackten und ungebührlichen Brief«, der eigentlich keine Antwort verdiene. – Mißbilligt ihr Verhalten gegenüber seinem Bruder Heinrich nach Beendigung des Krieges. Sie hätte mitteilen müssen, dass Heinrichs Bücher gerettet waren; die tschechische Regierung hätte sicher erlaubt, das von ihrem Vater benötigte Schrifttum zu schicken. Der Verkauf der von Heinrich M. sorgsam gehüteten Briefe, die für die Nachwelt von größtem Interesse gewesen seien, fiele ihr und nicht ihrer armen Mutter zu Last, die Jahre im Konzentrationslager war und sich dann zu krank fühlte, um solche Transaktionen durchzuführen. Ein tschechischer Verlag habe Heinrich M. einen größeren Honorarbetrag zukommen lassen; sie habe den Betrag für sich verwandt; ihr Vater habe sich darüber sehr aufgeregt, sei aber zu großmütig gewesen, sie bloßzustellen. Durch Heinrichs Tod seien ihr große ideelle und materielle Vorteile zugefallen. Sie seien ihr gegönnt, sie solle aber denen, die alles taten, um Heinrichs letzte Lebensjahre zu erleichtern, den Respekt nicht versagen.
