Thomas Mann an Michael L. Hoffmann, ›New York Times‹, Genf
- Zeitraum
- Freitag, 30. Januar 1953
- Datierung
- 30.1.1953
- Empfänger:in
- Ort
Zusammenfassung
Versprach H. einen Brief, in dem er seinen Entschluss begründete, warum er der ›New York Times‹ nicht das gewünschte Interview gewähren kann. Hier seine »*höchst persönlichen Gründe*«: Er habe sich in dieses kleine Land zurückgezogen, um intellektuellen und geistigen Abstand vom laufenden Tagesgeschehen zu gewinnen, der sowohl seinem Alter zustehe, als auch seiner künstlerischen Arbeit von Nutzen sei. Wenn er in den USA gelegentlich ein kritisches Wort geäußert hatte, um auf die gefährliche Entwicklung aufmerksam zu machen, habe er wenig Dank und viel Haß geerntet. Er kann der ›New York Times‹ nicht vergessen, dass sie ihn durch die gefährliche Schlagzeile »Mann, Robeson Join new ›Peace Movement‹« zum Kommunisten gestempelt hatte. Jetzt, schockiert durch die dynamische Entwicklung, die man vor Jahren schon hätte erkennen können, wolle das große Blatt ihn haben, damit er sich über »the realities and dangers in the current trend of American policy« äußere. Es sei eine Menge gegen die Einschränkung der nonkonformistischen Meinung, gegen alles, was mit den Namen McCarthy und McCarran in Verbindung stehe, zu sagen. Seine deutschen Erfahrungen, an die er ständig erinnert werde, stimmten ihn pessimistisch und machten ihn unfähig für dieses Interview. – Der Niedergang der amerikanischen Demokratie deute auf Krieg, und die europäischen Staaten, die sich sklavisch dem amerikanischen Willen gebeugt hätten, zitterten davor, dass die USA sie dank ihrer überwältigenden Militärmacht in einen Vernichtungskrieg ziehen könnten. Selbst wenn dieser neue Weltkrieg vermieden würde, dann könnte sich wahrscheinlich ein Zustand entwickeln, wie ihn der Engländer George Orwell in seinem Roman ›1984‹ beschrieben hat: eine dauernde Kriegsdrohung mit lokalen Kriegen hier und dort und überall. Wie dort vorausgesagt war, gehört die Zukunft dem Totalitarismus, der weder Demokratie noch Freiheit kennt. – In diesem Fall der »Machtergreifung« würde diese große Zeitung sich zweifelhaft »auf den Boden der Tatsachen stellen«; sie würde davonkommen und ihr Leben retten. – Und er selbst? Wenn er sage, was er denke, wäre das Los seiner 77 Jahre nur eine Wiederholung des Schicksals seiner 60er: Ausbürgerung und Beraubung seiner Habe. Sicher, er brauche dies nicht zu provozieren! Das Schweigen, das er wahren werde, befähige ihn, sein Lebenswerk in Ruhe zu vollenden, ein Werk, das völlig und ausschließlich dem Dienst der westlichen Kultur gewidmet sei. [Erika Mann, die diesen Brief übersetzte, beschwor ihren Vater in einem unveröffentlichten Brief vom 28.1.1953 aus Arosa – im Besitz des Thomas-Mann-Archivs, Zürich – , diesen Brief nicht abzuschicken, da die Vertraulichkeit nicht gewahrt sei und der Brief auf irgendeine Weise an die Öffentlichkeit gelange.]
