Thomas Mann an Paul Orlowski
- Zeitraum
- Dienstag, 19. Januar 1954
- Datierung
- 19.1.1954
- Empfänger:in
- Ort
Zusammenfassung
Seine Tochter Erika überbrachte ihm das Manuskript von O.s Vortrag über drei Gedichte Goethes. Dankt für die ungewöhnliche Anregung, die ihm die Lektüre bereitet, und staunte über die neue Beleuchtung dieser kühnen Lyrik, die »nicht wußte, woher sie kam und wohin sie wollte«. O.s Analyse, die sich »im Geschlechtlich-Unbewußten« auskenne, bewahre ihr Geheimnis, »gerade indem sie es aufdeckt«. Äußert sich zu Goethes recht rätselhaftem Liebesleben, das im Sinn der Normalität eigentlich ziellos sei, und zu verschiedenen Formen der Erotik, wie Bisexualität, antifeminine Männlichkeit, Homosexualität, transvestitische Neigungen, Knaben- und Jünglingsverehrung des Mannes, Exhibitionismus. Zitiert Hölderlin: »Warum huldigst Du, heiliger Sokrates, diesem Jünglinge stets?« Beschließt seine Gedanken mit den Worten: »Wer hätte nicht Grund, über das Rätsel des Geschlechtlichen nachzudenken? […] Was Sie Goethes Bisexualität nennen, ist jedenfalls in seiner wachen und allumfassenden Expansivität etwas sehr Schönes, zu höchster poetischer Blüte Prädestiniertes.«
