Thomas Mann an Fritz Martini
- Zeitraum
- Dienstag, 13. April 1954
- Datierung
- 13.4.1954
- Empfänger:in
- Ort
Zusammenfassung
Händigt M. dessen erstaunliches Manuskript wieder ein; hat es ganz gelesen, obwohl er gewöhnliche Kritiken längst nicht mehr beachte, sondern höchstens einmal etwas recht Schimpfierendes, um zu sehen, was möglich sei an Antipathie und frischbleibender Gehässigkeit angesichts eines Werkes, das nie darauf aus war, die Menschen zu verwirren, sondern sie zu befriedigen und ihnen wohlzutun. Es sei M. gelungen, aus ein paar Paragraphen Text die ganze Natur eines Autors kritisch zu entwickeln und auszubreiten. Bestätigt M. gern, dass er sich wirklich als Ganzes gesehen habe; auch habe er sich an den Lebensmoment erinnert, als er ›Der Tod in Venedig‹ schrieb, »und an das gewisse Gehobenheitsgefühl, das ich dabei erfuhr«. Ebenso erinnere er sich an das Erscheinen des ›Death in Venice‹ in der amerikanischen Zeitschrift ›The Dial‹, deren Herausgeber ihm damals schrieb, die Novelle habe »a real stir« erregt. »Wirklich hat sie mein literarisches Ansehen in dem Lande eigentlich begründet, lange bevor ich hinüberkam.« Findet die Interpretation bei aller Genauigkeit etwas »repetitious«, dass man froh ist, zu etwas Neuem zu kommen. Auf jeden Fall sei es ein höchst bemerkenswertes, neuartiges und kritisch bedeutendes Buch; er werde zu seinen aufmerksamen Lesern gehören.
