Thomas Mann an Kuno Fiedler
- Zeitraum
- Freitag, 29. April 1955
- Datierung
- 29.4.1955
- Empfänger:in
- Ort
Zusammenfassung
Dankt für F.’s fürsorglichen Rat, nicht zur Schiller-Feier nach Weimar zu fahren. Erklärt, dass er sich von dem Geschimpfe einiger Schweizer Sozialdemokraten nicht abhalten lasse. Die Welt sei längst davon unterrichtet, dass er auch dort seine Schiller-Rede halten werde und dass ihm außerdem von der Schiller-Universität Jena der Ehrendoktor verliehen werden solle. Hat sich vorher mit den westlichen Instanzen, der Schiller-Gesellschaft, ins Einvernehmen gesetzt und auch bei Bundespräsident Theodor Heuss anfragen lassen, ob es ihm durch sein Vorhaben unmöglich gemacht würde, nach Stuttgart zu kommen; falls dies der Fall sei, würde er nicht nach Weimar gehen. Von diesem kam eine beruhigende Antwort. Die Schweiz habe es seit seiner Weimar-Fahrt im Goethe Jahr 1949 nie an Freundlichkeiten fehlen lassen, und Zürich und die Gemeinde Kilchberg bereiteten schon Ehrungen und Feiern zu seinem Geburtstag vor, wozu auch der Präsident des Bundesrats kommen werde. Sieht nicht ein, warum er sich ruiniere, »indem ich auch den armen Sowjet-Deutschen etwas von Schiller erzähle, weil sie schließlich auch Deutsche sind?« Auch in Holland werde er die Schiller-Rede halten und von der Königin mit einem hohen Orden ausgezeichnet werden. »Ich schreibe Ihnen das nicht vor Glücksberauschtheit, denn ich bin sehr, sehr müde, und das Fontanesche ›Was soll der Unsinn?‹ hat von meinem bißchen Lebensrest ganz und gar Besitz ergriffen.«
