Thomas Mann an Karl Loewenstein
- Zeitraum
- Dienstag, 7. März 1933
- Datierung
- 7.3.1933
- Empfänger:in
- Ort
Zusammenfassung
Hat sich über L.s Brief als Zeichen besonderer Verbundenheit sehr gefreut. Äußert sich jetzt nach den Wahlen sehr pessimistisch über die Zukunft, insbesondere über seine persönliche. Nachdem sich nun auch Bayern dem neuen Geist ganz rückhaltlos in die Arme geworfen habe, habe es auf sein bisher immer verteidigtes volkstümliches Sonderrecht verzichtet. Fragt sich, ob München noch als Lebens- und Arbeitsbasis in Frage kommt, die bei seiner Abreise zu Vorträgen nach Holland, Belgien und Paris noch unverbrüchlich feststehend erschien. Er befinde sich rein zufällig im Ausland, jetzt aber scheine es ihm beinahe vernünftiger zu sein, wenn er mit seiner nicht allzu robusten Widerstandskraft nicht an Rückkehr denke. »Was ein längeres, vielleicht lebenslängliches Exil für mich, den Siebenundfünfzigjährigen, den mit den Kulturüberlieferungen und der Sprache seines Landes tief verbundenen Schriftsteller, bedeuten würde, brauche ich Ihnen nicht auszuführen: etwas sehr Ernstes, innerlich und äußerlich genommen. Auch scheue ich den Vorwurf, mein Land in einer Schicksalsstunde im Stich gelassen zu haben. Dennoch muß ich Sie bitten, mir offen zu sagen, wie Sie im Allgemeinen und in Beziehung auf mich die Lage sehen, wie Sie sich die Entwicklung der Dinge in Bayern vorstellen und ob Sie mich ermutigen können, in etwa 8 Tagen in mein Haus in München zurückzukehren, um dort meine persönlichen Arbeiten fortzuführen.« Erbittet L.s baldige Antwort nach Rücksprache mit einsichtsvollen Freunden.
