Thomas Mann an John Otto Reinemann

Zeitraum
Sonntag, 26. Juli 1931
Datierung
26.7.1931
Empfänger:in
Ort

Zusammenfassung

Dankt für die Übersendung der Zeitschrift ›Jugendtribüne‹. Wohltuend und tröstlich berühre der wahrhaft jugendliche Geist, der aus der Zeitschrift spreche. Besonders beeindruckte ihn der darin veröffentlichte Aufsatz von Axel Manfred, ›Jugend-Radikalismus-Pazifismus‹, der die unverantwortliche Haltung vieler sogenannter Geistiger brandmarkt, »die schweigend das Verbrechen dulden, das ›schamlose, mit verlogenen Romantizismen drapierte Gewinnsucht an der Jugend und am Geiste begeht‹«. Er habe sich öffentlich zu einer Bewegung bekannt, die, wie die Friedensbewegung, nicht nur die Ziele der geistigen Menschen, sondern das Fundament von dessen Existenz überhaupt vertritt. Leider werde das Wort Pazifismus von vielen Menschen falsch ausgelegt. Als Dichter, als Mensch »des sittlichen Abenteuers und des sinnlichen Traumes« könne man sein Wort für die Ziele einer anständigen Rationalität einsetzen. »Wir handeln, indem wir dem Frieden dienen, als Europäer, nicht nur im politischen, sondern auch im moralischen Sinn.« Wobei er sich auf Paul Valérys Buch ›Regards sur le monde actuel‹ bezieht. Die Zeitschrift möge ihrer Sache treu bleiben und sich nicht durch den Massencharakter mit ihrer Propaganda einschüchtern lassen. Sie dürfe sich als natürliche Elite fühlen; die Zukunft gehöre den Eliten mehr als je. »Das klingt undemokratisch; und wirklich, eine neue Art von Aristokratismus scheint mir an der Tagesordnung. Die Demokratie ist heute schon ein klassischer Begriff, – sehr vornehm im Vergleich mit dem, was sie überrannt und ad absurdum geführt hat: einem Imperium der Masseninstinkte, das die Welt terrorisiert, den Fortschritt hindert, Europa ruiniert. Nur durch die Eliten und dadurch, dass sie international einander finden, kann Europa gerettet werden.«

Erwähnungen

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