Thomas Mann an Richard Schaukal

Zeitraum
Sonntag, 30. April 1905
Datierung
30.4.1905
Empfänger:in
Ort

Zusammenfassung

Sch.s »Gemisch von Klage und Hochbewußtsein« erinnere ihn an Wagner, während seine Antworten mehr im Stil Liszts gehalten seien, mit dem er sonst wenig Berührungspunkte habe. Sch. solle froh sein, täglich Neues zu leisten und voller Leben, Regsamkeit, Glauben, Unmittelbarkeit und explosiver Kräfte zu sein, anstatt ihn um seine »Absatzquellen« infolge seines »Bombenerfolges« zu beneiden. Das anfängliche erheiterte Staunen würde bald dem Ekel davor und dem Abscheu, »in den modernen litterarischen ›Großbetrieb‹ hineingezerrt zu werden, weichen«. Der Egoismus der Öffentlichkeit im Kultus des Talentes gehe ins Zynische. Man lasse dem Talent kaum Zeit, zu sich selbst zu kommen, »und wenn die Rakete ebenso rasch verpufft, wie sie aufgestiegen ist, so geht man ohne Erbarmen zu neuen Sensationen über und die Collegen sagen nicht ohne Genugtuung: Er ist fertig.« Er leugne nicht, dass er ohne den Erfolg »unglücklicher« wäre, frage sich aber oft, ob er in seinen dunkelsten Zeiten nicht ein besserer Künstler gewesen sei und er beneide oft seinen Bruder um dessen größere Reinheit, Einsamkeit und Freiheit. Auch würde er wohl seinen Ruhm skrupelloser genießen und ausbeuten, wenn er gesünder wäre. Er glaube aber doch, »daß ich noch allerlei werde machen dürfen, was nur meine Aufgabe, nur mir vorbehalten ist, und was mir so leicht keiner, auch trotz seiner ungehemmten Produktion, mein Bruder nicht, vorwegnehmen wird.« Fragt nach Sch.s Lektüre; er selbst sei von Bangs ›Michael‹ ergriffen wie nur ganz selten noch.

Erwähnungen

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