Thomas Mann an Frederick W.J. Heuser
- Zeitraum
- Freitag, 10. Januar 1930
- Datierung
- 10.1.1930
- Empfänger:in
- Ort
Zusammenfassung
Hörte mit besonderem Interesse, dass die ›Germanistic Society of America‹ ihre Übersetzungen neuerer deutscher Literaturgüter mit C.F. Meyers ›Der Heilige‹ zu eröffnen beabsichtigt. Diese Wahl heißt er von ganzem Herzen gut. Seit seiner Jugend bewundere er diesen großen Schriftsteller. Nicht nur wegen seiner Gedichte, sondern hauptsächlich wegen seiner Erzählkunst, die zum Vornehmsten, Reinsten, Bildhaftesten und zugleich seelisch Tiefgründigsten gehöre, was das 19. Jahrhundert auf diesem Gebiet hervorgebracht habe. Meyers Hauptwerke seien Kleinode der deutschen epischen Prosaistik, wobei ein Schwanken zwischen französischer und deutscher Kultur zu beobachten sei. Beim ›Heiligen‹ habe sich aus dem menschheitsgeschichtlichen Motiv des Gegensatzes von König und Priester eine in kunstvoller Indirektheit vorgetragene Erzählung entwickelt, deren geistige Spannung und tief packende Dramatik jeden überhaupt empfindlichen Leser für immer gewinnen werde.
