Thomas Mann an Hugo Marcus
- Zeitraum
- Sonntag, 11. Mai 1902
- Datierung
- 11.5.1902
- Empfänger:in
- Ort
Zusammenfassung
Dankt für M.s Zuschrift und den Prospekt ›In Sachen eines philosophischen Gymnasiums‹. Sein Roman ›Buddenbrooks‹ könne nicht als Bildungsroman verstanden werden, und seine Ironisierung des modernen Gymnasiums in der Figur Hanno Buddenbrooks sei »wenig bindend und positiv«. Er habe den »Contrast zwischen der scheuen Lebensunfähigkeit dieses nervös-künstlerischen Individuums und dem Leben wie es ist und wie es in Gestalt der Schule dem jungen Menschen zuerst entgegentritt« gestalten wollen. Äußert sich ausführlich über seinen persönlichen Standpunkt der vielberedeten Schilderung des jungen Hanno und seiner Schulkameraden darstellte. Sein Interesse gelte hauptsächlich dem ethischen Monument. Es sei eine unglückliche Ausnahme, »wenn so viel sittliche Reizbarkeit vorhanden ist, daß das Leben als eine Gemeinheit empfunden wird; und bereits unter Schuljungen stellt sich die Sache nicht anders dar. Die Schule, als Vorbereitung für das Leben genommen, wie es ist, ist gut und richtig so, wie sie ist. Dies ist eine melancholische Wahrheit; aber es ist eine Wahrheit.« M.s philosophisch-künstlerisches Gymnasium, gedacht für Dichter, Künstler, Ausnahmemenschen, halte er für eine Utopie. Die Zahl der »Ausnahmemenschen« sei zu gering für eine derartige Schule. Der Staat sei auch nicht dazu verpflichtet, »für eine Minderzahl von musisch-organisierten Luxus-Individuen« zu sorgen. Poeten und Artisten seien eine zweifelhafte Sippe, die sich schon mit fünfzehn Jahren auf den philosophischsten Gymnasien schlecht benähmen. »Diejenigen unter uns, welche die menschliche Gesellschaft nicht durch die Ergötzlichkeit ihres Talentes für ihre totale Unbrauchbarkeit zu entschädigen vermögen, thäten gut, möglichst rasch zu Grunde zu gehen, anstatt durch so unbescheidene Forderungen wie ›Philosophische Gymnasien‹ den Bürger in verständnisloses Staunen zu versetzen!«
