Thomas Mann an Klaus Pringsheim
- Zeitraum
- Dienstag, 25. Oktober 1921
- Datierung
- 25.10.1921, fortgesetzt am 27.10.1921
- Empfänger:in
- Ort
Zusammenfassung
Erhielt von Katia P.s zweiten Artikel aus einem Zyklus zugeschickt; den ersten, über die Konzertdirektionen, habe sie wohl deshalb zurückgehalten, weil er ihn schon kenne. Anerkennt, dass P. in diesem Aufsatz sich seit seinen ersten essayistischen Versuchen durch philosophisch-kritische Lektüre weiter gebildet hat; auch die Berliner Luft mag zu seiner Erziehung beigetragen und seinen Gedanken die Richtung gegeben haben, die aus dem Aufsatz spricht und die den sozialen Sinn der Kunst so ausdrucksvoll betont. Nachdem Paul Bekker in der ›Frankfurter Zeitung‹ Beethoven »vergesellschaftet« habe [Bekker war von 1911-1925 Musikkritiker an der ›Frankfurter Zeitung‹], dürfe man ›Hieronymus im Gehäus‹ als höchstes Sinnbild der Kunst proklamieren. P.s Kampfstellung sei allerdings eine andere, sie sei »gegen die deutsche Kunstidee und ihre Ungesellschaftlichkeit, ihren Mangel an Demokratie« gerichtet. Für ihn seien das Soziale und das Individualistische keine natürlichen Gegensätze. »Das Bildnerische ist ein so großer Begriff, daß er das Soziale spielend mit umfaßt, und wie etwa das Pädagogische aus dem Autobiographischen organisch erwächst, versuchte ich neulich zu zeigen.« Ebenso sei der Gegensatz von Egoismus und Altruismus in der *Liebe* restlos aufgehoben. Liebe aber sei nicht »gesellschaftlich«. Der soziale Sinn der Kunst sei vielleicht einerseits eine Selbstverständlichkeit, »andererseits aber ihr zartestes, schamhaftestes Geheimnis, von dem nicht zu reden wiederum Sache der Zartheit ist«. Aber sollte man über Kunst nicht reden und ihre Geheimnisse nicht verraten dürfen? »Wenn es mit so viel ›Tournüre‹ geschieht, wie in Deinem Fall, so muß man’s hingehen lassen.« – Las nach seiner Rückkehr nach München noch einmal »Nummer I« und findet ihn »vortrefflich«. – Am 31. Oktober »steigt ›Goethe und Tolstoi‹ in München«.
