Thomas Mann an unbekannt

Zeitraum
Sonntag, 29. Mai 1921
Datierung
29.5.1921
Empfänger:in
Ort

Zusammenfassung

Bedauert, wegen mangelhafter Gesundheit erst jetzt für den schönen Brief und die Bücher danken zu können. Er habe den Brief Josef Ponten gezeigt, »ein eigentümlicher Kopf von volksmäßiger seelisch-geistiger Frische«. Er stimme mit diesem überein, dass aus dem Brief bester jüdischer Geist, der wahre und eigentliche Geist des Judentums spreche, der die oft empfundene, auch von Goethe ausgesprochene Wesens- und Schicksalsverwandtschaft mit dem Deutschtum aufs neue persönlich erlebt und proklamiert. Ihm, dem Verfasser der ›Betrachtungen eines Unpolitischen‹, seien diese Ideen vertraut und ehrwürdig. Das Buch stelle nicht das Ergebnis einer Gedankenarbeit dar, sondern diese Gedankenarbeit selbst, und mit voller Deutlichkeit stelle sich die Erkenntnis her, dass die nationale Staatsidee, der demokratische Nationalismus am Kriege wie an Europas ganzer Misere schuld ist – dieselbe Macht, die ein so verehrungs- und erhaltungswürdiges politisches Gebilde wie die österreichische Monarchie zersprengt habe. Es sei ein Verhängnis, dass dem westlichen Liberalismus im Augenblick, als seine historische Hinfälligkeit offenbar werden sollte, durch den Krieg der so verhängnisvolle wie unnatürliche Triumph bereitet worden sei. Er habe des Adressaten Vortrag über Kunst mit aller Sympathie gelesen und er sei einig in der Beurteilung des größten deutschen Bucherfolgs des letzten Jahrzehnts, nämlich Hauptmanns ›Ketzer von Soana‹. Er bewundere zwar Hauptmanns Lebenswerk, aber dieser Grad von Ungeistigkeit sei erstaunlich.

Erwähnungen

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