Thomas Mann an Alfred Weber
- Zeitraum
- Dienstag, 31. August 1915
- Datierung
- 31.8.1915
- Empfänger:in
- Ort
Zusammenfassung
Liest den ersten Aufsatz im Septemberheft der ›Neuen Rundschau‹ und stimmt W. »in wirklicher Beglücktheit« zu; entdeckt, dass W. der Verfasser ist, der ihm kürzlich »so freundlich über meine kleinen politischen Hilfeleistungen im Kriege« schrieb. Die »literarisch sorglose Unmittelbarkeit der Briefform« sei es, was die »beglückende Wirkung dieser Aufzeichnungen« ausmache. Ist begeistert, wie W. die Entente-Ideen als »altfränkisch, ausgeleiert, abgestanden« kennzeichnet und das Neue in Deutschlands europäischer Sendung erfühlt. Wendet sich gegen »das politische Advokatentum, das Jakobiner- und Freimaurertum der Romanen«, nicht minder aber gegen jene Entente-Freunde im Innern Deutschlands, die »den Geist« in Pacht zu haben meinen. Fragt sich, ob er zu philiströs sei, um »die kosmopolitische Sehnsucht und Freiheit der höheren deutschen Natur« begreifen zu können. Glaubt, dies verneinen zu können, denn die ›Buddenbrooks‹ schon trügen das Gepräge eines Romans von literarischem Europäertum. Wenn er es aber vorher nicht gewusst habe, so wisse er es seit diesem Kriege: »daß die deutsche Sache meine Sache ist und daß ich innerlich mit ihr stehe und falle«. Es sei weder Kriegsrausch noch Kriegspsychose, wenn er jetzt ausspreche, dass er nicht leben könne, »buchstäblich nicht weiter hätte leben mögen«, wenn Deutschland unterlegen wäre.
