Thomas Mann an Elisabeth Förster-Nietzsche
- Zeitraum
- Donnerstag, 19. Dezember 1918
- Datierung
- 19.12.1918
- Empfänger:in
- Ort
Zusammenfassung
Bedankt sich sehr ausführlich für ihre zustimmenden Worte zu seinen ›Betrachtungen eines Unpolitischen‹; bittet um Entschuldigung, ihr das Buch nicht selbst geschickt zu haben. Aber in der Zusendung eines so umfangreichen Werkes erblicke er eine Zumutung, vor der er zurückschrecke. – Das Buch bringe ihm viele »briefliche Zustimmungskundgebungen«. Die Rezensenten wussten aber wenig damit anzufangen. »Ich sitze ein wenig ›zwischen den Stühlen‹ – den Konservativen bin ich zu literarisch und den Literaten zu reaktionär.« Er glaube, die eigentliche Stunde des Buches werde erst kommen, wenn »das deutsche Volk nach den gegenwärtigen politischen Schüttelfrösten, sich selber wieder gefunden hat«. Ein triumphaler Sieg hätte das erschwert. »Aufrichtig gesprochen: Ist es nicht ein Glück, daß es mit dem unzukömmlichen und in jedem höheren Sinne wenig reizvollen Traum vom ›Weltvolk‹, vom ›Herrenvolk‹, von der ›großen Politik‹, vom ›Dreizack in unserer Faust‹ und ›Deutschland in der Welt voran‹ (nämlich politisch und wirtschaftlich) nun ein Ende hat?« Dabei sei er mit der totalen Niederlage nicht einverstanden. – Spricht von Bertrams Nietzschebuch, »das das Thema der zwei Seelen und der gleichstehenden Wage so bewundernswert variiert«. Die beiden Bücher stünden geschwisterlich nebeneinander. Sie seien gleichzeitig entstanden, und die beiden Verfasser hätten sie sich während des Entstehens kapitelweise vorgelesen. Das Bertramsche Buch ist »ein Stück von mir«. – Hofft, Frau F.-N. bald besuchen zu können.
