Thomas Mann an Bruno Frank
- Zeitraum
- Sonntag, 23. Mai 1937
- Datierung
- 23.5.1937
- Empfänger:in
- Ort
Zusammenfassung
Übersendet F. den Vortrag, den er vor kurzem vor der jüdischen Vereinigung ›Kadimah‹ in Zürich und auch in der New Yorker Carnegie-Hall gehalten hat. Seine Bemerkungen zum Problem des Antisemitismus mögen ihn vor einem falschen Licht bewahren. Im sei nämlich die Lust vergangen, im ›Neuen Tagebuch‹ über F.s neuestes Buch zu schreiben, nachdem er dort die »Lobhudelei« Hermann Kestens über des neue Werk Döblins gelesen habe, »unverkennbar auf meine Kosten«. Eifersucht sei ihm ziemlich fremd, er habe sie auch nicht nötig, nachdem zwei Erdteile seinem Werk mit Hochachtung begegnet seien. Sicher sei Döblins neuestes Buch ein überlegenes Meisterstück. Aber an menschlichem Gewicht, persönlich-geistiger Autorität – er möchte sagen: an psychologischer Würde – sei Döblins Existenz mit der seinen, wie sie im Lauf der Jahrzehnte herangewachsen ist, überhaupt nicht zu vergleichen – oder sie *müsste* zum mindesten damit verglichen werden, wenn von Döblins Produktion und gerade von dieser bewussten die Rede sei. Er sei gedeckt durch seine Haltung zum Judentum, wenn er die Art, wie Kesten seine Stammesgenossen gegen ihn ausspiele, eine jüdische Unverschämtheit nenne. Man könne nicht vom mythischen Epos deutscher Zunge reden und dabei den ›Joseph‹ verschweigen. Seinen Sohn Klaus habe man im ›Neuen Tagebuch‹ über den ›Joseph in Ägypten‹ schreiben lassen, was eine Art von Verlegenheitsauskunft gewesen sei. Die Literaturkritiker der Zeitschrift hätten sich lieber die Zunge abgebissen, als eine würdige Studie über sein Buch zu bringen. Die jüdische Kritik habe ihn vor 1933 schnöde und nie ohne Andeutung der Geringschätzung behandelt. Jetzt würden sie einen Bluts- und Cliquengenossen auf den Schild heben »mit unverschämter Ostentation gegen mich«. Er habe die Brücken zu Deutschland abgebrochen, sich mit aller Entschiedenheit zur Emigration bekannt und Schriftstellern wie Glaeser und Brentano die Stange gehalten. »Der Dank ist Nichtachtung und heimliche Niedertracht.« F. möge zur Erläuterung Leopold Schwarzschild Kenntnis von diesen Zeilen geben. Er hoffe, zu F.s bevorstehendem 50. Geburtstag an anderer Stelle dessen neues Buch »mit aller Freude und Neigung« würdigen zu können.
