Thomas Mann an Hans Vaihinger
- Zeitraum
- Samstag, 29. März 1919
- Datierung
- 29.3.1919
- Empfänger:in
- Ort
Zusammenfassung
Dankt für V.s Brief und dessen Nietzsche-Schrift, die er zwar schon genau kenne, die ihm jedoch durch die handschriftliche Widmung zu einem werten Besitz werde. Gesteht, dass er V.s Philosophie des Als-Ob nicht studiert habe, glaubt aber, dass es mit ihm ebenso steht wie mit Kant, den man nach Goethes Wort nicht gelesen zu haben brauche, um ihn dennoch zu besitzen. V.’s Werk liege nach seiner Meinung »auf der Linie einer deutsch-ethischen Geistigkeit«, die sich bei Kant wie auch bei Goethe und Nietzsche finde, und modifiziert bei vielen großen Deutschen, selbst bei einem Bismarck, in dessen Realpolitik viel vom »Willen zur praktischen Vernuft und zur Ethik des Alsob« stecke, worauf er in den ›Betrachtungen‹ hingewiesen habe. Die [im vorigen Jahr] ergangene Ehrung durch das Nietzsche-Archiv für die ›Betrachtungen‹ zusammen mit Ernst Bertrams ›Nietzsche‹ sei ihm ein großes Erlebnis gewesen. – Ist auf V.s Beitrag zum 2. Band der ›Annalen‹ gespannt.
