Thomas Mann an Paul Eltzbacher
- Zeitraum
- Freitag, 13. Juni 1919
- Datierung
- 13.6.1919
- Empfänger:in
- Ort
Zusammenfassung
Dankt für E.s Buch ›Der Bolschewismus und die deutsche Zukunft‹, dessen Lektüre ihn sehr bewegt hat. Vor wenigen Monaten, vor dem »Münchener Räte-Experiment, das mir widerwärtig war und mich seelisch unbeschreiblich bedrückte«, habe er schon E.s Standpunkt geteilt. »In der letzten Zeit gewann ein gewisser – ich möchte sagen humanistischer Widerwille gegen das mongolenhaft-kulturrasierende, antihistorische, antieuropäische und krank-ekstatische (›expressionistische‹) Wesen des Bolschewismus bei mir wieder die Oberhand, ich fühlte mich [...] als Westeuropäer, rechnete es den Entente-Machthabern als verbrecherische Verblendung an, daß sie Deutschland bei seinem landsknechthaften Kampf gegen dies Wesen so schlecht unterstützten und äußerte mich, etwas leichtsinnig, auch öffentlich in diesem Sinne.« – Die Schrift des Grafen Keyserling ›Deutschlands wahre politische Mission‹ habe ihn sehr beeindruckt. Die Ablehnung der parlamentarischen Demokratie sei nach seinem Herzen. »Und sofern der Bolschewismus antidemokratisch [...] ist oder sein kann, bejahe ich ihn, – freilich ohne, in praxi, die ›Diktatur der Bazi‹, wie man hier sagte, zu bejahen, von deren erniedrigenden Unannehmlichkeiten sich niemand einen Begriff macht, der sie nicht erlebt hat.«
