Thomas Mann an unbekannt [»Sehr geehrter Herr Doktor«]
- Zeitraum
- Sonntag, 3. Januar 1932
- Datierung
- 3.1.1932
- Empfänger:in
- Ort
Zusammenfassung
Versteht die Zweifel, die aus dem Brief des Adressaten klingen, und das Gefühl des Ungenügens nur zu gut, das seine Haltung gegenüber der Problematik der Zeit erregt. Die vorläufige »Ungewißheit und Unendgültigkeit« seiner Haltung erklärt er damit, dass wir aus der sogenannten bürgerlichen Epoche heute hinübergleiten in eine neue, ohne dass man sagen könnte, »von wie vielen und wie gefährlichen Katarakten der Strom unterbrochen sein wird, der uns trägt«. Für ihn ist das Problem der Zeit das Problem der Bürgerlichkeit, in dem er zugleich die Heimat des Geistigen erblickt, wie er es 1926 in seiner Lübecker Rede zum Ausdruck gebracht hat. Die nationale Idee, die mit der bürgerlichen noch im 19. Jahrhundert fest verbunden war, ist heute tot oder richtiger gesagt, böse und lebensfeindlich geworden. Seinen Hass auf den Nationalsozialismus erklärt er damit, dass es diesem gelingt, »das Nationale in den Augen der Jugend ins Revolutionäre umzufälschen«. So verzweifelt man daran, dass das Bürgertum heute noch imstande ist, diese Lage zu meistern, und man kommt zu der Überzeugung, dass die Entwicklung über diesen Typus hinweggehen wird und »der Auftrag der Zeit an Klassen ergeht, die von den Bindungen und Beschränkungen frei sind, aus welchen das Bürgertum [...] trotz seiner größeren Geistnähe sich nicht lösen kann«. Der Brief des Adressaten habe ihn sehr beschäftigt und werde ihn weiter beschäftigen. Würde die Möglichkeiten, sich mündlich mit ihm zu unterhalten, begrüßen; vielleicht während seines Aufenthaltes in Frankfurt am Main.
