Thomas Mann an Hans Gustav Erdmannsdörffer
- Zeitraum
- Donnerstag, 8. September 1932
- Datierung
- 8.9.1932
- Empfänger:in
- Ort
Zusammenfassung
Freut sich, dass seine Äußerungen im ›Berliner Tageblatt‹ E.s Zustimmung gefunden haben. Sieht seine Aufgabe darin, bei politischen Gelegenheitsaktionen das Wort zu ergreifen; kann sich aber nicht »politisch an irgendeine Spitze stellen, zu einer Parteigründung aufrufen, eine Führerfahne ergreifen«. Müsste dann seine künstlerische Tätigkeit aufgeben. Beschäftigt sich intensiv mit dem Schicksal Deutschlands und seiner Rolle in der Welt, fühlt sich aber zu sehr als geistige Existenz, die auf die innere Freiheit bedacht sein muss. Hält außerdem den Zeitpunkt der Gründung einer neuen bürgerlichen Partei für aussichtslos. Zur Zeit steht es mit den bürgerlichen Parteiorganisationen nicht sehr hoffnungsvoll, ebenso wie mit dem deutschen Bürgertum überhaupt, worauf er am Schlussa seiner Goethe-Rede ›Goethe als Repräsentant des bürgerlichen Zeitalters‹ hingewiesen hat. Ist heute nach seinen politischen Überzeugungen eher Sozialist als Bürger, wobei er »im geistigen deutschen Bürgertum gewiß einige Gefolgschaft« habe, aber beim »Klassenbürgertum kaum auf Vertrauen rechnen« könne, wenn er sich praktisch zum Führer und Anwalt zu machen versuche.
