Thomas Mann an Oswald Brüll
- Zeitraum
- Mittwoch, 14. Juni 1933
- Datierung
- 14.6.1933
- Empfänger:in
- Ort
Zusammenfassung
Da das Verlangen seines amerikanischen Verlegers Knopf, ›Joseph und seine Brüder‹ in drei Bänden erscheinen zu lassen, erst in ferner Zukunft verwirklicht werden kann, wird er jetzt seine Bedenken zurückstellen und den ersten Band gesondert in Deutschland erscheinen lassen. Allerdings müsste er dann wohl nach Deutschland zurückkehren; Gottfried Bermann Fischer sei zu weiterer »Gleichschaltung« bereit und bemühe sich in Berlin, seine Rückkehr zu ermöglichen. Er lasse Bermann Fischer vorläufig noch gewähren. Außenbleiben und zu loyalem Schweigen verurteilt zu sein, sei schrecklich, Heimkehr bedeute eine zweitklassige Existenz und Beleidigungen seiner Frau und seiner Kinder, von denen die beiden Ältesten sowieso nicht nach Deutschland dürften. »Die Qual dieser gleichmäßig bösartigen Alternative ist entnervend.« – Nach einem viermonatigen Hotelleben seien sie jetzt in einem kleinen Häuschen mit ihren vier jüngeren Kindern kultiviert provenzalisch eingerichtet, bedient von dem Münchener Mädchen. Sein Bruder Heinrich lebe in der Nähe, ebenso das Ehepaar Schickele. Seit den Tagen in Lugano versuche er am ›Joseph‹ weiterzuschreiben, gehemmt und nicht auf der Höhe der Kräfte. Sein Wagner-Aufsatz beschäftige ihn immer noch nebst den damit verbundenen Vorkommnissen. »Es war eine Lebensangelegenheit. Alle Motive meines Denkens und Dichtens klingen darin an.« Dieser Aufsatz werde in der Geschichte und Psychologie der »Deutschen Revolution« eine Rolle spielen.
