Thomas Mann an Rudolf Olden
- Zeitraum
- Montag, 14. Mai 1934
- Datierung
- 14.5.1934
- Empfänger:in
- Ort
Zusammenfassung
Wegen seiner Reise nach New York aufgrund der Einladung seines amerikanischen Verlegers anlässlich des Erscheinens der englischen Ausgabe des ›jungen Joseph‹ kann er schon aus zeitlichen Gründen nicht am PEN-Kongress in Schottland teilnehmen. Außerdem ist er nicht dazu legitimiert, da er nicht Mitglied des Deutschen PEN-Clubs im Exil, London, ist. Will aus verschiedenen Gründen keine derartigen Bindungen eingehen. Nimmt Rücksicht auf den S. Fischer Verlag, der noch in Deutschland geblieben ist, wo sein Joseph-Roman erscheint. Will sich nicht von seinem deutschen Publikum trennen, obwohl die biblische Erzählung eine ähnliche oppositionelle Rolle spielt wie die Predigten von Kardinal Faulhaber und Karl Barth. Jede Äußerung von ihm, eine Tischrede in New York etwa, könnte die Situation verschlechtern und die Münchner Politische Polizei triumphieren lassen, die in Berlin mit allen Mitteln seine Ausbürgerung betreibt, obwohl das Auswärtige Amt, das Propaganda- und das Finanzministerium Widerstand leisten. Möchte auch nicht gegen die Unterdrückung der Geistesfreiheit in Deutschland protestieren, da offenkundig die deutschen Schriftsteller »die allereifrigsten Parteigänger des Systems sind« und es sogar geistig untermauerten. Selbst Carossa schließe sich nicht aus, er arbeite an der Zeitschrift ›Das innere Reich‹ mit, die ebenso gut ›Heil Hitler‹ heißen könnte. Und an wen sollte er appellieren? An die Welt, die es in der Hand gehabt hätte, durch eine Weigerung, mit dem jetzigen Deutschland umzugehen, die Regierung dort im eigenen Land sofort unmöglich zu machen, ein Ausdruck der eigenen moralischen Ratlosigkeit. »Die heutige Staatenwelt ist nicht das Forum, vor dem ich Lust hätte, gegen die deutschen Geschehnisse zu protestieren.« Insofern ist eine Teilnahme am PEN-Kongress und erst recht eine Botschaft an diesen ihm völlig unmöglich.
