Thomas Mann an Sylvia Pankhurst

Zeitraum
Sonntag, 30. Dezember 1934
Datierung
30.12.1934
Empfänger:in
Ort

Zusammenfassung

Hat P.s Brief an die angelsächsische Presse mit großem Interesse gelesen, kann sich aber nur zum Teil ihren Argumenten anschließen. Die Sieger im Ersten Weltkrieg hätten sich an Deutschland versündigt und viel Unheil heraufbeschworen. Mehr Weisheit und Weitblick wäre notwendig gewesen. Sollte es in Deutschland wieder eine Regierung geben, die nach den allgemeinen Grundsätzen europäischer Sittlichkeit ausgerichtet sei, so wäre viel gutzumachen. Ihr Vorschlag, Europa solle Hitler-Deutschland Zugeständnisse machen, dürfte auf allgemeine Ablehnung stoßen. Die wirtschaftliche Notlage sei nur teilweise der allgemeinen Weltkrise zuzuschreiben, vor allem der Misswirtschaft und der finanzzerrüttenden Aufrüstung. Der Gedanke, Deutschland zu vernichten, wird jedem Vernünftigen absurd erscheinen. Alle friedlichen Europäer müssten dem besseren Teil des deutschen Volkes behilflich sein. Bei freien Wahlen würden sich keine dreißig Prozent zu dem weltgefährlichen Popanz bekennen. Es sei ein Grundirrtum demokratischer europäischer Regierungen, zu glauben, man habe es im jetzigen Deutschland mit einer Regierung zu tun, die zu normalen Vertragsabschlüssen berechtigt und befähigt sei. Keinesfalls dürfe man die kriegerischen Maßnahmen der Naziregierung sanktionieren, sondern man müsse der ohnmächtigen Majorität der Deutschen zur Freiheit verhelfen. Begrüßt ihre Anregung, ein internationales Komitee geistig hochstehender Menschen zu organisieren, die regelmäßig in London zusammenkämen und von denen Anregungen an den Völkerbund ausgehen könnten.

Erwähnungen

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