Thomas Mann an Julius E. Hirsch
- Zeitraum
- Montag, 2. Dezember 1935
- Datierung
- 2.12.1935
- Empfänger:in
- Ort
Zusammenfassung
Erklärt H., dass der Joseph-Roman von vielen Juden mit größter Freude aufgenommen worden sei, von anderen »mit einer gewissen Kränkung und Kritik«. Er hatte geglaubt, dass das Buch rein als Tatsache, als literarische Erscheinung dem Judentum gerade heute eine Genugtuung bedeuten müsse. Durch die Vermenschlichung der Partriarchengestalten brauche sich doch niemand beirren zu lassen. Wenn auch das Menschliche an das Jüdische geknüpft sei, sei der Roman kein Judenbuch, sondern ein Menschheitsbuch, dessen Gegenstand der Mensch und nicht nur der Jude sei. Es tut ihm leid, wenn fromme Israeliten an der psychologisierenden Art, ihre Herrengeschichte zu behandeln, Anstoß nähmen. Es sei nicht böse, sondern scherzhaft-ehrfürchtig gemeint; die Verbindung von Psychologie und Mythos sei das Neue »und menschlich Aussichtsreiche« an der geistigen Haltung des Buches. Bald wird ein neuer Band erscheinen, der den Aufenthalt Josephs in Potiphars Haus erzählt. »So wie hier habt Ihr Juden die schlimme Geschichte zwischen Joseph und Potiphars Weib noch nicht vorgeführt bekommen.«
