Thomas Mann an Helmut Rehder
- Zeitraum
- Donnerstag, 5. Dezember 1935
- Datierung
- 5.12.1935
- Empfänger:in
- Ort
Zusammenfassung
Dankt für R.s Anteilnahme an seinem »sonderbaren Erzählwerk«; »innerer Hemmungen wegen« könne er nicht so ausführlich auf R.s kritisches Schreiben eingehen. Bei seinem Roman handle es sich um ein Kunstwerk, »auch wo es sich als Philosophie, Kritik, Untersuchung, ›Wissenschaft‹ gibt«. Dabei lasse sich aber viel denken, »und vielerlei – ich weiß nicht, ob ich sagen soll: besonders bei einem, in dem selbst schon gedacht wird; denn in der Regel wird sich wohl beim nicht denkenden und redenden, sondern ›rein gestaltenden‹ Kunstwerk freier und vielfältig-lebendiger denken lassen; nur bin ich allerdings zu glauben gewillt, daß dieses Denkende eine Ausnahme von der Regel macht, denn es mag eine Art zu denken haben, die selbst wieder zu recht weitführenden Gedanken anregt«. Dabei handle es sich um ein Denken cum grano salis, das an das Goethe-Wort erinnere, Ironie sei das Körnchen Salz, durch welches das Aufgetischte überhaupt erst genießbar werde. So verstehe und verehre auch er die Ironie, die ihm unentbehrlich sei und die für ihn dichterisches Element ist. – R. sei auf dem rechten Weg mit seinen Gedanken und Vermutungen über Geistespessimismus und ein Jenseits des Geistespessimismus, in dem der Roman sich abspiele. Erklärt schließlich, er sei kein Denker, habe nicht viel Denkerisches gelesen, weder Jaspers noch Heidegger, noch Kierkegaard habe er studiert. – Im ›Joseph‹, »menschheitlich gestimmt wie er ist von der ersten Zeile an«, sehe er »ein vorbereitendes, vordeutendes, einer neuen menschlichen Haltung und Verfassung, ja einem neuen Humanismus vorarbeitendes Werk«. – Im Frühjahr gedenke er einen neuen ›Joseph‹-Band herausbringen zu können.
