Thomas Mann an Anna Jacobson
- Zeitraum
- Mittwoch, 30. November 1938
- Empfänger:in
- Ort
Zusammenfassung
Die Nachrichten über die Situation im German Department des Hunter College haben ihn tief beeindruckt. Er zeigt volles Verständnis für die Studentinnen, die, durch die grauenhaften Ereignisse in Deutschland verstört, anfangen, an dem menschlichen Wert ihrer germanistischen Studien zu zweifeln. »Es ehrt Amerika, dass dieser Abscheu und diese Empörung hier so stark und so allgemein verbreitet sind.« Betont dann aber, dass das Deutschtum nicht mit dem nationalsozialistischen Regime verwechselt werden darf. Macht den europäischen Westmächten den Vorwurf, dass sie durch ihre verständnislose Politik diesem Regime eine Machtvollkommenheit zugestanden hätten, die es zu weiteren Schandtaten anreizte. Dagegen hat der deutsche Geist der Vergangenheit große Dinge zur kulturellen Entwicklung der Menschheit beigesteuert; es sei kurzsichtig von den Studentinnen, diese kulturellen Werte nicht in Amerika lebendig zu erhalten, weil unberufene Machthaber das Studium des Deutschen in Misskredit gebracht haben. Bittet J., diesen Brief ins Englische zu übersetzen und auf einem geplanten Meeting den Studentinnen vorzulesen. Aus Gesundheitsgründen kann er selbst nicht dort anwesend sein.
