Thomas Mann an Felix Braun
- Zeitraum
- Samstag, 23. März 1940
- Datierung
- 23.3.1940
- Empfänger:in
- Ort
Zusammenfassung
B.’s Erfahrungen mit der ›Lotte in Weimar‹ in dem kleinen Leserkreis [in England] haben ihn sehr interessiert. Der Roman erlaube sich einige »künstlerische vielleicht unzulässige Voraussetzungen, aber diese werden dort, wo deutsche Kulturtradition zu Hause ist, spielend geschluckt«. In einem Luzerner Blatt habe einer geschrieben, dass er seit den Indianergeschichten seiner Knabenzeit kein Buch mehr so verschlungen habe wie dieses, was auf eine gewisse Abenteuerlichkeit der Lektüre schließen lasse, »wie sie nun einmal zu einem Roman gehört«. Seine Abenteuerlichkeit beruhe aber auf der Realisierung und Vergegenwärtigung eines Mythos, »vorgeübt lange in der mythischen Schule des Josephzyklus, ohne dessen Vorangang ich das ›Wagnis‹, von dem Sie mit Recht sprechen, nie gewagt hätte«. – Erzählt von seiner lecture tour, die ihn tief in das südliche Texas geführt hatte, und von seinen ›akademischen‹ Pflichten. Schreibt dabei, »um nicht zu sagen: nebenbei«, an einer indischen Novelle, »mit der ich, Gott weiß warum, dem IV. Joseph noch einmal auszukommen suche«. Wünscht ihm, heil durch die Weltgeschichte zu kommen. Beneidet ihn fast, in einem gegen Hitler Krieg führenden Land zu leben. »Die Atmosphäre der Neutralität geht unsereinem doch allzu oft schon gegen das Gefühl.« – B.’s Erinnerung an seinen Zürcher Abschiedsabend gehe ihm sehr nahe. »Wir haben viel Heimweh nach der Schweiz.«
