Thomas Mann an Klaus Mann
- Zeitraum
- Samstag, 20. September 1941
- Datierung
- 20.9.1941
- Empfänger:in
- Ort
Zusammenfassung
Die neue Nummer [von ›Decision‹] sei sonst sehr hübsch geworden, aber der Artikel über die Post-War-Apokalypse [von Alsberg] sei sehr betrüblich. Klaus sei entweder einem Goebbels-Agenten auf den Leim gegangen oder es sei ein jüdischer Defätist »schlimmster Art«, der mit seiner Schreiberei nichts als Schaden anrichte. Aber es sei kaum zu glauben, dass das nicht seine Absicht sei. Hitler sage seinen Opfern genau dasselbe: wenn er besiegt werde, dann würden alle mit ihm in den Abgrund gerissen und Europa werde vom Bolschewismus verschlungen. Dasselbe sagten auch die Lindberghs hier; man könne den Appeasern nicht besser in die Hände arbeiten, indem man ihnen das Argument liefere, daß, wenn man die einzige noch vorhandene Ordnungsmacht zerstöre, dann der Kontinent dem Chaos anheimfalle. Aus dem Machwerk spreche kein Funken von Gefühl dafür, dass es in Europa sehr schlecht stehen solle, damit die ganze verbrecherische Unsinnigkeit der Hitlerschen Unternehmung offenbar werde. Aber die ›Apokalypse‹ sei ja geflissentlich abschreckend übertrieben. Rät seinem Sohn, sich von allen Seiten, von Holländern, Skandinaviern, Tschechen schreiben zu lassen, dass bei ihnen von Chaos keine Rede sei und dass überall die Leute bereitstünden, die Zügel in die Hand zu nehmen, wenn »die Neue Ordnung kollapst«. »Aber ich wollte, Herr Alsberg hätte sein Glück woanders versucht.« Freut sich zu hören, dass alle in New York so aufrichtig wünschen, ›Decision‹ möge sich halten, »wie Annette neulich schrieb«. »Ich wünsche es auch von Herzen, um Deinet- und um der Sache willen.«
