Thomas Mann an John Simon Guggenheim Memorial Foundation, New York
- Zeitraum
- Mittwoch, 3. Dezember 1941
- Datierung
- 3.12.1941
- Empfänger:in
- Ort
Zusammenfassung
Sendet der Foundation seine Empfehlungen für die Bewerber um ein Stipendium. Stellt eine Rangliste der acht Autoren nach der Dringlichkeit ihrer Bewerbungen auf: Dr. Erich Kahler, Dr. Eugene Gürster, Julius Bab, Dr. Oskar Goldberg, Dr. Hans Rosenhaupt, Dr. Ludwig Marcuse, Dr. Raoul Auernheimer, Dr. Hans Sahl. – Hält Kahler für den würdigsten Bewerber. Er sei der Autor des berühmten Werkes ›Der deutsche Charakter in der Geschichte‹ und arbeite nunmehr an einem Buch, das man die innere Geschichte der Humanität nennen könne. – Hermann Steinhausens geplantes Werk sei nach dem vorliegenden Entwurf ein Roman, der sich mit den Problemen unserer Zeit beschäftige. Da der Autor bisher keine Erfahrung in der erzählenden Kunst besitze, sei nicht gewiß, ob das Buch großen Erfolg haben werde. – Julius Bab sei im vorhitlerischen Deutschland ein ausgezeichneter Theater- und Literaturkritiker gewesen und habe als Professor an der Lessing-Hochschule gewirkt. Sein geplantes Buch über die Schauspielkunst werde sicher großes Interesse finden. – Goldberg, ein Gelehrter, dessen Spezialgebiet Religionsgeschichte sei, habe sich vor einigen Jahren mit dem Buch ›Die Wirklichkeit der Hebräer‹ einen Namen gemacht. Die dort nur berührten Probleme würden in dem neu geplanten Buch zum Hauptthema werden. – Im Fall Rosenhaupt sei er nicht ganz vorurteilsfrei, da es sich bei dessen geplantem Buch um eine Monographie über ihn selbst und sein Werk handle. Objektiv gesprochen sei der Autor ein junger Literaturhistoriker, der sich wegen seiner wissenschaftlichen Begabung und seiner pädagogischen Geschicklichkeit eine ausgezeichnete Stellung am College in Colorado Springs erworben habe [s. Brief an Hans Rosenhaupt vom 29.11.1941 / Reg. 41/471]. – Der Entwurf von Marcuses Buch zeige ein Werk an, in dem dieser mehr die Ansichten anderer über die gegenwärtige Weltlage analysiere, statt selbst positive Ratschläge zur Lösung der Probleme zu geben. Marcuse sei Mitarbeiter vieler großer Zeitungen in Deutschland gewesen und habe in Paris zu dem Emigrantenblatt ›Das Tagebuch‹ Beiträge geliefert. – Auernheimer verfüge über einen eleganten Stil, sei ein ›Feuilletonist‹ der Wiener Schule. Das geplante ›Leben Ferdinand Lassalles‹ werde ähnlichen Erfolg haben wie seine Metternich-Biographie. – Hans Sahl, ein Lyriker, lege den Abriss eines Romans vor, von dem er nicht sagen könne, ob die Zeit schon gekommen sei, dass man die schrecklichen Erfahrungen unserer Zeit aus einem humoristischen Blickwinkel sehen könne.
