Thomas Mann an Giuseppe A. Borgese
- Zeitraum
- Sonntag, 6. September 1942
- Datierung
- 6.9.1942
- Empfänger:in
- Ort
Zusammenfassung
Dankt ihm für die Übersendung seines »bedeutenden Aufsatzes« über die katholische Kirche. Natürlich kämen keine seiner kleinen Meckereien, die er im Gespräch manchmal gegen B.’s Ansichten über die Kirche äußerte, im geringsten gegen seine ernste Zustimmung zu dieser Kundgebung in Betracht. B.’s Religion des heiligen Geistes sei eine große rettende Sache, die das Schisma schließen und der Menschheit das geistige und geistliche Zentrum geben könne. Ihm würde eine Religiosität genügen, »die dem Gefühl, daß der Mensch der Punkt ist, an dem die Natur ins Transzendentale mündet, [...] eine Religiosität, die an einer Berufung des Menschen zum Streben nach Vollkommenheit festhält, an dem Glauben also, an einen menschlichen Fortschritt zum Besseren, an der Idee der Menschheit und Menschlichkeit überhaupt und an dem, was hierzulande ›mercy‹ heißt.« Wenn Roosevelt von Religion spreche und sie der antireligiösen Barbarei in Europa gegenüberstelle, so meine er dies, was man als die Religion des Heiligen Geistes ansprechen könnte. Er fragt sich aber, ob diese Religiosität eigentlich Religion sei, ob mit dieser undifferenzierten, primitiven Religion die Menge der Menschen auskomme, ob sie fähig sei, »Autorität zu schaffen, Glauben zu erzeugen und das Natürlich-Böse in Schach zu halten«. Der Durchschnittsmensch brauche eine positive, gegen alle Glaubensbekenntnisse abgesetzte Religion – aber da sei dann auch sofort »Theologie, Mythologie, ein Dogmen-System, an welches das Heil gebunden ist«, und man wäre wieder am alten Fleck.
