Thomas Mann an Wilhelm Sternfeld
- Zeitraum
- Dienstag, 6. April 1943
- Empfänger:in
- Ort
Zusammenfassung
Dankt für St.’s Bericht über die Situation der deutschen Emigranten in England. Freut sich über Eduard Beneš’ Hilfsbereitschaft; erinnert sich des Staatsmannes bei seinen Besuchen auf dem Hradschin. Die Spaltung der Emigration in London berühre ihn kaum, hatte auch nichts von dem Streit zwischen Alfred Kerr und Kurt Hiller gewußt, der einst ein Bewunderer Kerrs war. Dieser sei immer ein guter Hasser gewesen, und wenn es nach ihm gegangen wäre, wäre er literarisch längst tot. Kerrs Vernichtungswünsche gegen Deutschland seien utopisch und undurchführbar. Noch jüngst seien drei Menschen von den Nazis exekutiert worden. Der kommunistische Reichspatriotismus sei nicht seine Sache, und die Loslösung der süddeutschen Länder zu einem geplanten »katholisch-faschistischen Staatskränzchen« lasse ihn kalt. Ist beeindruckt von St.’s Tätigkeit in der englischen Presse in englischer Sprache; er werde nie ein englischer Schriftsteller werden können: zur Zeit sei die englische Ausgabe eines Buches von ihm *das* Buch. Lehnt St.’s Wunsch ab, für einen Band, der die Aufzählung jüdischer Verdienste enthalten soll, das Vorwort zu schreiben. Dem Antisemitismus, der eine Massenseuche sei, käme man mit Vernunftgründen nicht bei.
