Thomas Mann an Harold Kaplan
- Zeitraum
- Mittwoch, 20. Dezember 1944
- Datierung
- 20.12.1944
- Empfänger:in
- Ort
Zusammenfassung
Berichtigt K.s Irrtum, er sei erst 1938 aus Deutschland emigriert: er sei auf einer Vortragsreise im Ausland gewesen, als sich die Verhältnisse in Deutschland so entwickelten, dass er nicht mehr zurück konnte. Kann die Frage nach der Zusammensetzung des Emigrantentums nicht allgemein beantworten. Es sei kein einheitlicher Typ, der in ein paar Worten klassifiziert werden könne, sondern es seien ganz verschiedene Individuen, die nur individuell behandelt werden könnten. Es sei allerdings bedauerlich, dass die deutsche Emigration zum größten Teil nicht politisch und somit keine Emigration aus Überzeugung sei; sie bestehe vielmehr weitgehend aus Menschen jüdischen Glaubens, von denen einige willens gewesen wären, dem Nationalsozialismus zu dienen, wenn man es ihnen erlaubt hätte. Aber das seien Ausnahmen. Die Antipathie gegen Emigranten, die K. beobachtet habe, sei sicher ein Symptom des Antisemitismus, der unglücklicherweise auch in diesem Land wachse, aber sie werde auch verursacht von dem Hass gegen alles Deutsche, der während des Krieges entstand und sich wegen der großen Opfer in diesem Lande verstärken musste. Im Allgemeinen sei er der Meinung, dass der Amerikaner nicht zum Hass geboren sei und dass nach dem Kriege die natürliche amerikanische Freundlichkeit auch gegen Deutsche sich wieder einstellen werde. Bittet K., diese vertraulichen, schnell diktierten Zeilen nicht zu veröffentlichen.
