Thomas Mann an Walter Franke-Ruta
- Zeitraum
- Dienstag, 24. April 1945
- Datierung
- 24.4.1945
- Empfänger:in
- Ort
Zusammenfassung
Hat F.-R.’s Brief über dessen Leben, Erfahrungen, Einsichten, Wünsche und Zweifel mit aller Aufmerksamkeit gelesen. Mehr als Sympathie kann er aber nicht aufbringen; er sei kein »Orchesterleiter«, nur ein Solist, der F.-R. keinen Einsatz, kein Tempo und keine dynamischen Winke geben könne. Wir alle sind ja Stimmen in einem großen Klangkörper, und mein Part ist beim Fortschreiten der Symphonie immer schwieriger geworden. Auf das Fiedeln und Blasen der anderen sehe er eher mit Neid. Aber F.-R. sei zu beneiden wegen seiner Möglichkeit beim Rundfunk, »direkte und obendrein amüsante Einwirkung auf die Fantasie des Volkes« auszuüben. Vielleicht könne F.-R. ihm einmal einen Rat geben, wenn er ihn darum angehe; am liebsten wäre ihm aber ein persönliches Gespräch. Immer schlage sein Herz höher, wenn er von einer direkten Flugverbindung New York – Zürich höre. Aber die Rückkehr nach Deutschland ist ihm fremd geworden; hat in Amerika sein Haus gebaut und gedenkt, dort sein Leben zu beenden. Er hofft aber bald auf einen Besuch im alten Kontinent, besonders in der Schweiz, wo er fünf gute Jahre verbracht habe.
