Thomas Mann an Kuno Fiedler
- Zeitraum
- Montag, 20. August 1945
- Datierung
- 20.8.1945
- Empfänger:in
- Ort
Zusammenfassung
Dankt für F.’s »sehr charmanten, durchtriebenen Geburtstagsbrief« und entschuldigt sich für die verspätete Reaktion mit dem Trubel um diesen 70. Geburtstag. Hatte außerdem eine kurzfristige Terminarbeit zu leisten: die Einleitung zu einer amerikanischen Ausgabe von Dostojewskis kleinen Romanen, die, ebenso wie der Vortrag ›Deutschland und die Deutschen‹, essayistischer Ableger seines »Hauptgeschäfts« geworden ist. Überlegt, ob man siebzig Jahre schon aus ausgewachsenes Greisenalter betrachten könne: Goethe habe sich in diesem Alter noch einmal verliebt und wollte sogar heiraten. Eine »Andeutung dieser Ulrike-Geschichte« habe er »zur lächelnden Befriedigung meines Sinnes fürs Mythische« zu verzeichnen. Erzählt das Erlebnis seiner Verliebtheit in ein sechzehnjähriges College-Mädchen Cynthia in Lake Mohonk. Bei dem Dinner zu seinen Ehren, auf dem der Staatssekretär des Inneren, der Richter vom ›Supreme Court‹ und ein spanischer Minister gesprochen hatten, habe der Gedanke an sie »smiling to my heart« gesessen. Als Entgelt für das Vergnügen an F.’s Brief vertraut er nur ihm allein diese Torheit an. Der Berliner Rundfunk und Presseartikel hätten ihn zur Rückkehr nach Deutschland ermahnt. »Ich finde es, das Wenigste zu sagen, unbillig. Sollten diese 12 Jahre ein Spaß gewesen sein?«
