Thomas Mann an Gustav Hartung
- Zeitraum
- Freitag, 8. Februar 1946
- Datierung
- 8.2.1946
- Empfänger:in
- Ort
Zusammenfassung
Teilt H.’s Ansicht, dass seine Kollegen im Jahre 1933 über seinen Weggang aus Deutschland ganz froh gewesen seien und kann deren angeblichen Schmerz darüber, dass er jetzt nicht wiederkomme, keineswegs ernst nehmen. Der Zustand Deutschlands aber mache ihm Sorgen. Selbst wenn die Hungersnot nicht die erwarteten dramatischen Formen angenommen hätte, so sei erschreckend »die allgemeine Unterernährtheit, Magerkeit, Schwäche, Apathie, Arbeitsunlust, Hoffnungslosigkeit«. Allerdings – wenn sich dieser besondere Jammer auf zwei, drei Jahre beschränken würde, »muß man nicht sagen, dass es immer noch eine maßvolle Sühne wäre für die ausschweifende Verschuldung«? Beschäftigt sich mit der Frage eines Europabesuches. Ein von Bronislaw Huberman empfohlener Brüsseler Agent habe ihn dringend eingeladen. Dabei könnte eigentlich Deutschland nicht ausgespart werden. Viele Freunde raten ihm, die Reise nicht zu überstürzen. »Europa sei ein Graus und in Deutschland würde ich zwischen sämtlichen Stühlen sitzen und zur Strapaze den Ärger haben.« Aber er sage sich doch, wenn er Deutschland wieder betreten sollte, so müßte dies bald geschehen, »da sonst der Besuch sich entwertet und die Kluft unüberbrückbar wird«. Fragt nach H.’s Meinung.
