Thomas Mann an Read Bain

Zeitraum
Dienstag, 18. März 1952
Datierung
18.3.1952
Empfänger:in
Ort

Zusammenfassung

Hörte gern, dass B. ›Der Erwählte‹ interessiert und dass er darüber mit seinem Freund, Father Schreck, gesprochen hat. Glaubt, dass diesen trotz seines geistlichen Berufes das Buch ansprechen werde, da es trotz mancher schockierender Scherze auf der christlichen Idee der Gnade basiert. Die Figur des Papstes Gregor mit einer solch auferlegten Buße ist unhistorisch. Schreck wäre nicht der erste Kleriker mit Sympathie für den ›Erwählten‹. Zahlreiche Geistliche haben seit Erscheinen des ›Doktor Faustus‹ und des ›Erwählten‹ mit ihm korrespondiert. Dies traf zusammen mit seiner eigenen tiefgründigen Beschäftigung mit theologischen Fragen, die ihm in seiner Jugend noch völlig unbekannt waren. B. erbitte seine Ansichten zu den letzten Fragen, zu Tod und Ewigkeit. Nie habe er ein Geheimnis aus seinem eigenen Denken und Wissen gemacht. Sein ganzes Lebenswerk trage autobiographische Züge, seine Essays über Lessing, Goethe oder Wagner offenbaren dies. Bezüglich des Todes im allgemeinen und seines eigenen halte er es mit dem Spruch: »Du weißt, alles Leben ist vergänglich, der Weg zur Ewigkeit führt durch das Leben.« Er hoffe, einst von seinem Tode so wenig zu spüren wie von seiner Geburt. Glaubt, dass die Natur ein langes Leben mit einem unmerklichen Ende belohnt. Sieht keinen Unterschied zwischen den zwanzig Jahren, die B. von ihm trennen und den sechs oder acht oder sogar zehn Jahren, die ihm vielleicht noch vergönnt seien. Die Zeit ist ein seltsames Element, wenig davon kann sehr viel sein, wie das Beispiel eines Todeskandidaten kurz vor der Hinrichtung zeigt. Als letzter von fünf Geschwistern, dessen Eltern längst tot sind, dem die meisten der Freunde und Verwandten gestorben sind, steht er zum eigenen Tod in einer fast familiären Beziehung. Soweit er es voraussehen kann, werde ihm sein Ende, wenn er es nahen fühle, nicht schwer werden. Nach seiner Ansicht ist das Ende eines ruhmerfüllten Lebens nicht allzu hart. Aber man sollte doch nicht berühmt werden. Da gibt es so viel Ärger und Missverständnisse, dass man sich am liebsten schon bald im Grab verkriechen möchte. Damit genug, er kann sich keine längere philosophische Abhandlung leisten. Will einen weiteren Roman vollenden und ertrinkt in einer Flut von Korrespondenz.

Erwähnungen

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