Thomas Mann an Joseph Chapiro
- Zeitraum
- Sonntag, 26. September 1920
- Datierung
- 26.9.1920
- Empfänger:in
- Ort
Zusammenfassung
Dankt für Ch.s Brief und die Übersendung des Nekrologs auf Richard Dehmel. Dieser Nachruf eines Fremden auf einen deutschen Dichter habe ihn tief bewegt. Etwas von der spezifischen Atmosphäre von Dehmels Kämpferleben sei in Ch.s Worte eingegangen. Geht ausführlich auf Dehmels politische Haltung ein, wie er im Jahre 1914 »schicksalbegeistert, nicht kriegsbegeistert« gewesen sei, was auch auf ihn zutreffe, was auf die Nation überhaupt zutreffe. Auch er habe sich nicht »mit humanitärem Protest abseits« gestellt, sondern habe die ›Betrachtungen‹ geschrieben. Für Dehmel sei dieser Krieg der erste Akt der Weltrevolution gewesen; er selber habe ihn 1917 eine »Erneuerung der Welt und der Seele« genannt, was mehr ein moralischer als ein politischer Ausdruck für »Weltrevolution« sei. Ebensowenig sei Dehmels »Sozialismus« politisch gemeint gewesen. Dehmel und er seien sich in der Frage von Deutschlands Kriegsschuld einig gewesen, wie das ein Brief erweise, den Dehmel ihm anlässlich der Unterzeichnung eines Manifestes schrieb. Dankt Ch. für die schönen Worte über seine kleinen Geschichten, lässt ihm seine Bücher vom Verlag zukommen, die Ch. noch nicht kennt.
