Thomas Mann an F. W. Bradley, Dean of the University of South Carolina, Columbia, SC
- Zeitraum
- Samstag, 20. Mai 1944
- Datierung
- 20.5.1944
- Empfänger:in
- Ort
Zusammenfassung
Dankt für B.s Brief, der seine große Kenntnis des deutschen Volkes und den guten Willen, es zu verstehen, beweist. Was B. über die deutsche Treue schreibt, enthalte viel psychologische Wahrheit, obwohl diese Treue unter gewissen Umständen ihre Würde und Schönheit verlieren könne, wenn sie zu der hoffnungslosen Unterwürfigkeit unter ein Regime werde wie das von der grenzenlosen Vulgarität des Nationalsozialismus. Dieser sinnlose Löwenmut, mit dem die deutsche Armee für den Sieg und die Erhaltung dieses Regimes kämpfe, sei ihm ein ständiges Rätsel. Es sei eine schmerzliche Tatsache, dass selbst heute, wo es schon zu spät sei, sich keine Menschen in Deutschland fänden, die das deutsche Volk aus dieser Sackgasse herausführen. Jetzt werde eine deutsche Revolution, sollte sie noch kommen, keinen rehabilitierenden Wert mehr haben, sondern höchstens ein Zeichen des äußeren Zusammenbruchs sein. Man sollte aber den Mut nicht verlieren, denn eine Änderung und Regeneration des ganzen Volkes seien möglich und unvorhersehbar.
