Thomas Mann an Eugene Tillinger
- Zeitraum
- Freitag, 25. Januar 1946
- Datierung
- 25.1.1946
- Empfänger:in
- Ort
Zusammenfassung
Seine Unterschrift unter dem Appell des ›American Committee for Relief of German Needy‹ hatte ihm mehrere Briefe eingebracht. Was Deutschland betrifft, stehe er zwischen zwei Feuern und müsse es ertragen. Seine Weigerung, nach Deutschland zurückzukehren, habe große Verbitterung in seinem Heimatland hervorgerufen. Auf der anderen Seite würde er Verärgerung hervorrufen, wenn er nicht zusammen mit Amerikanern, Deutschen und Österreichern davor warnen würde, dieses geschlagene Land völlig in Stücke gehen zu lassen. – Neulich habe er der New Yorker Wochenschrift ›The New Leader‹ deren Bitte abgeschlagen, einen Kommentar zu Bertrand Russels langem Artikel zu schreiben, in dem dieser eine Beschreibung der Zustände und Nöte in Zentraleuropa und Deutschland gegeben habe [s. Br. an S.M. Levitas v. 18.1.1946 / Reg. 46/41]. Er könne diesen Anklagen gegen schlechte Organisation und Russels Verbesserungsvorschlägen nichts hinzufügen. Es sei das Recht englischer und amerikanischer Schriftsteller, solche Proteste zu äußern, aber ein deutscher Schriftsteller solle sich darin zurückhalten. – Es sei verständlich, dass er, der Deutschland verließ, als es die Beute wilder Mächte wurde, nicht als Todfeind eines Landes angesehen werden wolle, der deutsche Kinder verhungern lasse. Deshalb habe er diesen Appell der genannten Organisationen unterschrieben. – Sein offener Brief an Deutschland sei nur zufällig an Walter von Molo gerichtet, weil dieser derjenige war, der ihm geschrieben habe. Er wußte damals noch nicht, dass Molo Ergebenheitskundgebungen an Reichsleiter Rosenberg gerichtet habe, wie es jetzt ein russisches Communiqué bekanntgemacht habe.
