Thomas Mann an Hans Reisiger
- Zeitraum
- Montag, 16. September 1946
- Empfänger:in
- Ort
Zusammenfassung
Kann ihn beruhigen, dass von Zürnen keine Rede sei. »Wie Gott Sie gemacht hat, und wie die Dinge standen und gingen, mußte es wohl alles so sein.« Nur schade, dass R. nicht nach Seyß-Inquarts Rede sofort die Grenze zur Schweiz überschritten und es dann versäumt habe, der amerikanischen Universität den Brief zu schreiben, den er angekündigt hatte und worin er seine »difficulties« hätte schildern können. Unter Roosevelts Regierung und mit seinem eigenen Einfluß hätte er ihm eine Universitätsstellung besorgen können. Es hätte besonders für ihn gesprochen, dass er Walt Whitman in Deutschland bekannt gemacht hatte. »Das ist es, wir hätten zusammen gelacht und uns zusammen gegrämt, hätten den unvermeidlichen Ablauf der Geschichte gemeinsam, unter derselben Perspektive erlebt, statt dass Sie nun Ihre besten Jahre, verängstigt und schweigend, in der verkommenen Atmosphäre... verbringen mußten.« – Glaubt, ihn in seinem Roman richtig beschrieben zu haben: »Sie heißen Rüdiger Schildknapp und sind nie zu haben, wenn man Sie braucht, sonst aber reizend.« – Erzählt von seiner Erkrankung und von der geglückten Operation. – Ist froh, R. in der amerikanischen Zone zu wissen. Erkundigt sich nach seinen Arbeiten. Was von ihm komme, werde »immer mit Freuden empfangen und mit herzlichem Anteil gelesen werden«.
