Thomas Mann an Frank Kingdon, ›Progressive Citiziens of America‹
- Zeitraum
- Samstag, 15. Februar 1947
- Datierung
- 15.2.1947
- Empfänger:in
- Ort
Zusammenfassung
Wegen Arbeitsüberlastung bedauert er, an dem Seminar des Komittees nicht teilnehmen und über die deutsche Frage diskutieren zu können. Falls nur seine persönliche Mitgliedschaft wichtig sei, will er seine Unterschrift unter das übersandte Statement geben unter der Bedingung, dass die Arbeit von K.’s Organisation nur darauf gerichtet sei, Deutschland zu hindern, je wieder eine aggressive Militärmacht zu werden, und nicht etwa, um es für immer in seinem Elend und seiner Hoffnungslosigkeit zu belassen. In der Erklärung des Komittees werde festgestellt, dass Deutschland sich immer weiter von dem Potsdamer Abkommen entferne. Doch die Potsdamer Bedingungen seien durchaus nicht im Sinne der Friedenskämpfer. Er glaube nicht an die Möglichkeit, ein hochindustrialisiertes Land in ein Land der Bauern und Schäfer zurückzuverwandeln. K. wisse so gut wie er, dass die Erhaltung des Friedens nicht auf dem guten oder schlechten Willen Deutschlands beruhe, sondern auf den Beziehungen zwischen der USA und Rußland, von denen er allerdings nie angenommen habe, dass sie einmal zu der gefährlichen Spannung führten wie gerade jetzt. Nach seiner Meinung dürfe die Frage nicht überschätzt werden, wohin sich Amerikas Innenpolitik entwickeln werde: zum Sieg der liberalen und progressiven Mächte oder der reaktionären, die die Lebensnotwendigkeiten von heute hartnäckig verneinen. Dennoch glaube er, dass die Humanität einen guten Schritt vorwärts auf dem Wege zur sozialen Reife getan habe. Sobald Deutschland dies erkannt hat, werde es entdecken – ohne eigenes Wissen oder Wollen – dass es diesen Schritt ebenfalls gemacht habe.
