Thomas Mann an Richard Schaukal

Period
Saturday, October 14th, 1905
Date
14.10.1905
Recipient
Place

Summary

Schickt ein Manuskript ungelesen zurück, denn Sch.s eigenes Urteil laute ja, wie es zu sein pflege, bereits so günstig wie möglich. Sch. werde sich in dieser Auffassung nur bestärken lassen dadurch, dass das Manuskript »von einer langen, langen Reihe von Redaktionen und Verlegern zurückgeschickt werden wird«. Er selbst hingegen liege mit seinen Arbeiten im Hader, während er sie herstelle, und sehe nur ihren Unwert,. wenn sie fertig sind. Das sei Geschmackssache. Eine Sache der Billigkeit aber sei es, die Anforderungen, die man an andere stellt, ein wenig nach der eigenen Befähigung zu bemessen. Sch. überflute ihn mit Sendungen und lasse ihn jeden zweiten Tag unbedacht hingeschleuderte Briefe entziffern, »die unablässig die selben Listen und Aufzählungen von indolenten Verlegern, von jüdischen und feindseligen Redakteuren enthalten und die überfließen von Klagen über Verkennung, Zurücksetzung, Vernachlässigung«. Er habe all dem seine Zeit und Gedanken gewidmet und Freundlichkeiten darüber gesagt. »Sie danken mir, indem Sie fortfahren, in einer hemmungslosen Art von sich zu reden und indem Sie sich der einfachsten Verpflichtungen, die Ihnen aus meiner Güte erwachsen, in der liederlichsten Weise entschlagen.« Ihm habe ›Fiorenza‹ eine größere Pein verursacht, als alle seine früheren Arbeiten, und er habe sehnsüchtig hinausgehorcht nach Stimmen, die die Vorzüge, »die zuletzt auch ein verfehltes Werk meiner Hand besitzen muß«, zu erfühlen und zu würdigen. Sch. jedoch habe ihm über den ersten Akt ein paar Plattheiten gesagt und dann, »als ich nach langer Zeit mit einem leisen Wort enttäuschter Befremdung an meine Angelegenheit rühre, haben Sie den Muth, mir zu antworten: Da Ihnen der II. Akt nicht besser ›gefallen‹ habe, als der I., hätten Sie den III. Akt – die Hauptsache – noch nicht gelesen.« Mit derselben Post habe Sch. ihm »ein langes Erzeugnis Ihrer eigenen rührigen Feder« auf den Tisch geworfen. Alles das bekunde eine Naivität, der gegenüber er seine Ungeduld nicht länger verbergen könne. »Ich erkläre unser Verhältnis für dringend ruhebedürftig und schlage vor, daß wir einander vorläufig vergessen.«

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