Thomas Mann an Redaktion ›Frankfurter Zeitung‹
- Period
- Thursday, January 30th, 1919
- Date
- 30.1.1919
- Recipient
- Place
Summary
Zu der Aufforderung der Zeitung, sich an einem Protest gegen die angebliche Absicht der Obersten Heeresleitung der Alliierten, 200 000 deutsche Kriegsgefangene in den vom Krieg zerstörten Gebieten Frankreichs einzusetzen, zu beteiligen: das deutsche Volk sei in diesem Krieg nicht nur militärisch, sondern auch moralisch überwältigt worden. Es habe sich in den 4½ Jahren davon überzeugen müssen, dass es für eine schlechte oder vielmehr für gar keine Sache gekämpft habe. Es habe sich jetzt in die Hände von Feinden gegeben, an »deren überlegene Sittlichkeit es endlich glaubte«. Und nun sollten sich diese Feinde zu »Sklavenhaltern« erniedrigen. »Welch panikhafte Leichtgläubigkeit!« Es handle sich bei dieser Nachricht – davon sei er überzeugt –, » um eine Fopperei aus Siegeslaune«. Die ganze übrige Welt habe diese Ankündigung Frankreichs gelassen aufgenommen. Es sei nicht erlaubt, zu zweifeln. »Es ist tölpelhaft, von einem Scherzwort der gallischen Kaustik viel Wesens zu machen und es zeugt zuletzt von häßlichem Unverständnis für die Größe des Augenblicks. Die Tugend siegte. Recht, Freiheit und Menschlichkeit treten die Herrschaft an, und die vom Leiden geläuterten Völker schließen den Liebesbund.«
